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Van-Lam Vissay


“Das Leben ist zu kurz, um sich lange zu ärgern”

Interview mit Van-Lam Vissay von Andreas Hardt

Die diesjährige Inszenierung „Halbblut“ der Karl May Spiele von Bad Segeberg basiert auf dem Roman „Der schwarze Mustang“. Dort kann man folgende Passage lesen:
„An den Tischen saßen und auf den Lagern hockten wohl an die zweihundert Bahnarbeiter, kleine, langzöpfige Burschen mit gelber Gesichtsfarbe, hervortretenden Backenknochen und schief geschlitzten Augen, die sich erstaunt auf die beiden überlangen Gestalten richteten. „Pfui Teufel! Chinesen! Das konnten wir uns denken, denn man roch es schon von draußen. Kommt schnell in den kleinen Room, wo die Luft vielleicht genießbarer ist.“
Häufig beklagen May-Puristen die freie Auslegung der Romanvorlagen auf diversen Theaterbühnen. Doch derartige Passagen sind heute weder zeitgemäß noch geeignet, einem – in Teilen auch noch minderjährigen – Publikum zu präsentieren, da entstände ein gänzlich falsches Bild. Der Fairness halber sei jedoch darauf hingewiesen, dass der Chinese nicht nur bei Karl May zur Witzfigur verkam: in Lucky Luke Comics ist er stets genauso vertreten wie als Koch in der legendären Western-Fernseh-Serie „Bonanza“. Autor Michael Stamp hat in seiner diesjährigen Bearbeitung der Romanvorlage eine Figur eingearbeitet, die im erfreulichen Gegensatz zu der aus dem obigen Zitat hervorgehenden Haltung Karl Mays steht: ein freundlicher, konsequenter und selbständiger Charakter voller Mut und Einfallsreichtum: Hong Ki Tong. Das Anforderungsprofil für diese Rolle war nicht einfach zu erfüllen: neben der asiatischen Herkunft erwarteten die Verantwortlichen noch eine ganze Menge mehr von dem entsprechenden Darsteller. Dieser in der langen Geschichte der Karl May Spiele wohl einzigartigen Herausforderung stellte sich Van-Lam Vissay, der zwischenzeitlich auf der Hinterbühne am Kalkberg seinen 34. Geburtstag feierte.

WWR: Die Arbeit am Kalkberg ist nicht ungefährlich.
VL: Tatsächlich habe ich mir auch vor kurzem eine Verletzung zugezogen, die uns zu einigen Umstellungen gezwungen hat. Unter anderem haben wir meine Salti und einige Sprünge in den Zweikämpfen gestrichen. Dafür haben wir andere schöne Elemente eingefügt und jetzt fliegen die Stuntleute häufiger durch die Luft.

WWR: Hast du dir die Verletzung denn während eines Kampfes zugezogen oder handelt es sich um einen klassischen Unfall im Haushalt?
VL: (lacht) Weder noch. Total unglücklich! Ich habe mir einen Meniskusanriss in der Befreiungsszene zugezogen, in der ich den Marterpfahl aus dem Boden wuchte und auf den Wächter stürzen lasse. Beim Absetzen hat es dann „Knacks“ gemacht. Eigentlich eine harmlose und unzählige Male geprobte Szene.

WWR: Dafür scheinen jetzt einige Textpassagen ganz eigenen Sinn zu erhalten…
VL: (zitiert seinen eigenen Bühnentext) „Konfuzius sagt, der Geduldige kommt an sein Ziel, der Ungeduldige schießt darüber hinaus!“ Also folge ich jetzt auch ganz gemächlich meinem eiligen Kollegen Stephan Tölle.

WWR: Worauf muss man auf dieser Bühne besonders achten um Unfälle zu vermeiden?
VL: Problematisch ist auf alle Fälle der tiefe Sandboden. Das Risiko hier aus- oder weg zu rutschen ist sehr groß.

WWR: Wie war denn deine erste Reaktion auf eine Anfrage, im Wilden Westen spielen zu sollen?
VL: Oh, ein Kindheitstraum wurde wahr! Ich habe alle Western mit Clint Eastwood gesehen! Ist natürlich was ganz anderes als Karl May. Aber Cowboy und Indianer spielen fand ich immer toll!

WWR: Ein Chinese im Wilden Westen…
VL: Jackie Chan hat in „Shanghai Noon“ gezeigt, wie so was ganz anders funktionieren kann! Ein sehr unterhaltsamer Film, aus dem wir auch einige Musikpassagen hier in das Stück übernommen haben.

WWR: Was wusstest du vor deiner Verpflichtung denn überhaupt von Karl May?
VL: Na ja, ich kannte die Filme mit Pierre Brice und Lex Barker. Der „Schatz im Silbersee“ mit Götz George hat mir am besten gefallen. Mehr aber auch nicht. Damals wurde Qualität noch der Vorzug vor Quantität gegeben.

WWR: Du bist in Deutschland aufgewachsen. Gehörte Karl May also nicht zu deiner Jugendliteratur?
VL: Nein, das nicht. (grinst) Ich fand als Jugendlicher andere Dinge cooler als im Literaturkreis oder Schulchor mit zu machen. Interessant ist, dass sich heute bei Ehemaligentreffen diejenigen, die in der Theater-AG mitgewirkt haben, die vermeintlich kreativ waren, heute als Beamte oder in kaufmännischen Berufen tätig sind. Und ich bin der Schauspieler!

WWR: War die Schauspielerei also dein Traumberuf?
VL: Eigentlich nicht, das war eher ein Zufall. Ich bin ein sehr rationaler und ruhiger Mensch, war an der Uni und studierte Wirtschaftsinformatik. Ich hatte mich bei einem Casting angemeldet, um etwas Geld zu verdienen. Die Casting Crew fragte mich dann, ob ich denn auch Fertigkeiten in asiatischer Kampfkunst hätte. „Ja, ich könnte da was mit Schwertern zeigen…aber so was habt ihr ja nicht hier.“ „Moment…“, rief einer und holte aus einer Kammer einen Stock und ich konnte loslegen. In der Folge habe ich dann mit Moritz Bleibtreu den Film „Fandango“ gedreht und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht.

WWR: Wie ging es dann weiter?
VL: Ich habe mir überlegt: was brauchst du jetzt um in eine Schauspielschule aufgenommen zu werden: eine klassische Rolle, eine komödiantische und eine sehr moderne Rolle. Innerhalb einer Woche habe ich dann richtig losgelegt und es am Ende tatsächlich geschafft. Eine Rolle war eine stumme: die Figur vollführt da einen „Harakiri“, abgeguckt und inspiriert wurde ich durch den Dreh mit Moritz Bleibtreu, der so glaubwürdig Leiden spielen konnte.

WWR: Eine weitere Leidenschaft von dir ist die Musik.
VL: Ja, ich habe hier in Bad Segeberg sogar die Gelegenheit ein Konzert geben zu können, am 21. August im Olive, gleich nach der Abendvorstellung. Ich bin in Köln aufgewachsen und habe dort auch die Gelegenheit gefunden, mich entsprechend musikalisch und darstellerisch ausbilden zu lassen. Die Musik wird mich auch weiter begleiten. Vier Tage nach Saisonende hier am Kalkberg fliege ich nach Vietnam und Laos und werde dort mit einer szenischen Lesung auf Tour gehen. Diese Lesung werde ich dann auch musikalisch begleiten.

WWR: Sicherlich ein außergewöhnliches Projekt. Wie kam es dazu?
VL: Ich wollte einmal die Chance nutzen, nicht nur mein Heimatland zu besuchen sondern dort auch zu arbeiten. Ich fühle mich noch frei und ungebunden genug, so etwas jetzt umzusetzen. Rucksack, Gitarre und los geht´s. Ich werde Geschichten und Mythen rund um das Leben von Buddha vortragen. Die Tour plane ich in enger Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und soll über mehrere Monate gehen.

WWR: Und wenn zwischenzeitlich eine neue Aufgabe lockt?
VL: Dann habe ich mein Handy dabei und bin erreichbar. Da unten gibt es ein sehr gut ausgebautes Netz. Ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten Erfolgserlebnis. Das Leben ist zu kurz, um sich lange zu ärgern.

WWR: Eine Weisheit von Konfuzius?
VL: (lächelt) Nein, von mir!

WWR:
Du hast in einem Musiknachwuchswettbewerb sehr erfolgreich abgeschlossen.
VL: Neben dem Gesang, spiele ich auch Klavier und Gitarre. Aber am Ende habe ich doch der Schauspielerei den Vorzug gegeben.

WWR: Vielfältige Interessen. Neben Musik und Schauspielerei schreibst du auch?
VL: Ich schreibe meine Songs selbst, also ist Schreiben eine echte Leidenschaft mit der ich die Lücken zwischen meinen Engagements schließe. Weiterhin arbeite ich an einem Gedichtband und schreibe Drehbücher für Kurz- und Langfilme.

WWR: Du bist in Köln aufgewachsen, ich in Bonn…
VL: Und was ist das schönste an Bonn? Die Autobahnauffahrt nach Köln!

WWR: Beherrschst du denn auch dat kölsche Platt?
VL: (verfällt in den Dialekt) Isch bin ene kölsche Jeck, wat sull isch maache?

WWR: Köln ist ja eine echte Medienstadt, in der auch SAT 1 und RTL beheimatet sind. Gab es da schon Kontakte für das ein oder andere Fernsehprojekt?
VL: Konkret noch nicht aber das wäre natürlich schon toll. Wenn ich mir was wünschen dürfte: ich denke, Deutschland ist reif für einen asiatischen Kommissar! Ich habe mal in einer SOKO Folge mitgespielt, das hat viel Freude gemacht.

WWR: Aber dafür sehen wir dich bald auf der Kinoleinwand. Der Film wurde sogar in Cannes nominiert.
VL: Der Film spielt in einem brisanten und aktuellen Umfeld. Die Geschichte rankt sich um die Veränderungen der Finanzwirtschaft im Rahmen der Finanzmarktkrise und vor allem um die Sorgen und Ängste der Menschen die darin arbeiten. Aber auch um Machtspiele und Manipulation. Ich spiele einen Experten, der für die Bewertung von Unternehmen verantwortlich ist, die sich als Übernahmekandidaten eignen.

WWR: Für mich als Bankkaufmann ein durchaus gewohntes Thema, denn mein eigener Arbeitgeber wurde im vergangenen Jahr von der Commerzbank aufgekauft.
VL: Hey, bei denen in der Zentrale in Frankfurt haben wir gedreht!

WWR: Zurück zu Karl May. Ich weiß, dass vom ersten Buchentwurf bis zur Premiere eine Aufführung hier am Kalkberg diversen Anpassungen und Veränderungen unterliegt. Ist der Hong Ki Tong wie wir ihn heute hier erleben tatsächlich auch im ersten Entwurf so angelegt worden?
VL: Nein, so etwas ist immer ein Entwicklungsprozess. Der Autor hat ein Bild, hieraus bildet sich der Regisseur ein eigenes Bild und der Schauspieler hat wiederum eigene Vorstellungen. Wenn man überzeugt ist, dass man eine Verbesserung kennt, dann muss man dafür kämpfen. Aber ich bin nicht stur, ich lasse mich auch überzeugen, wenn die Idee des anderen einfach besser ist. So haben Michael Stamp, Donald Kraemer und ich eben auch an dem Text des Hong Ki Tong gearbeitet und gefeilt.

WWR: Und wessen Bild hat sich nun stärker durchgesetzt?
VL: Es ist eine gesunde Mischung. Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, wollte ich den Hong Ki Tong um einiges cooler und abgebrühter haben. Aber das passte dann nicht ganz in das Gesamtbild. Also wurde er sympathischer ohne dabei aber albern zu wirken.

WWR: Karl May ist in mancherlei Hinsicht sehr einfach strukturiert: Gut und Böse klar definiert, im Wertedenken seiner Zeit unterworfen. Hattest du da nicht auch die Sorge, hier ein Klischee belegen zu müssen?
VL: Ja, durchaus. Ich wollte hier keinen billigen Abklatsch von Hop Sing aus „Bonanza“ geben. Ich hatte zum Beispiel eine ganz große Abneigung gegen das übliche Klischee, das Chinesen das R wie ein L aussprechen. Das war für mich ein „No Go“! Meine Familie und ich leben hier in Deutschland in der dritten Generation. Aber zum Glück bestand da weitestgehend Einigkeit und wir haben das Spiel mit der Sprache dann auch dramaturgisch eingesetzt: nur wenn Hong Ki Tong Konfuzius zitiert, dann leistet er sich diese fast schon nostalgisch wirkende Sprechweise. Aber in den Gesprächen mit den Timpes, die nun beide in ihrem Heimatdialekt radebrechen, pflegt Hong ein lupenreines Hochdeutsch. Eine wunderbare Verkehrung dessen, was viele Zuschauer vielleicht erwartet haben und deswegen sehr unterhaltsam.

WWR: Dieses Trio wirkt sehr ausgewogen.
VL: Ja, es gibt da keine Hackordnung, niemand ist nur der Stichwortgeber für jemand anderen.

WWR: Welche drei Stichworte fallen dir zu deinem Engagement hier am Kalkberg ein?
VL: (denkt kurz nach) Groß, größer, am größten! Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich abends nach der Applausordnung einfach nur die Reihen hinaufblicke, wo sich durch das Gegenlicht der Blick sowieso nach 15 oder 20 Reihen verliert und ich die Anwesenheit dieser tausende zählende Zuschauer eher spüre denn sehe – da bekomme ich jedes Mal Gänsehaut.

WWR: Ich glaube, deiner Rolle und deiner Darbietung schlägt hier viel Sympathie entgegen.
VL: Das ist sicherlich auch dem Mut der Geschäftsleitung geschuldet, hier keinen geschminkten Europäer einzusetzen, sondern einen Schauspieler mit ethnischem Hintergrund und Herkunft adäquat einzusetzen.

WWR: Was wird dir besonders in Erinnerung bleiben, wenn du den Kalkberg verlässt?
VL: Die vielen glücklichen Kinderaugen beim Abklatschen, die angenehme Zusammenarbeit mit dem ganzen Team und die Zeit die wir außerhalb der Arbeit miteinander verbracht haben. Zumal sich das Wetter bisher ja auch von seiner besten Seite gezeigt hat. Außerdem die Möglichkeit, von den Kollegen, allen voran Ingo Naujoks und Erol Sander, zu lernen.

WWR: Würdest du hier noch einmal mitwirken wollen?
VL: Klar, ich sehe mich als optimalen Shatterhand-Kandidaten! (lacht) Nein, natürlich muss es eine passende Rolle sein und dann bin ich jederzeit bereit. Da ich auch gut Reiten kann, bin ich da auch vielfältig einsetzbar. Leider darf ich in dieser Rolle immer nur Kutsche fahren. Ich nehme mit Sicherheit viele gute Erinnerungen mit.

WWR: Würdest du dich mit einigen Worten in deiner Heimatsprache von unseren Lesern verabschieden?
VL: Trong tim hanh phuc, lam duoc hanh phuc nguoi khac
Lam nguoi khac hanh phuc, minh hanh phuc!

WWR:Und das bedeutet…
VL: Man muß glücklich sein um glücklich zu machen und
Man muß glücklich machen um glücklich zu bleiben.

WWR: Lieber Van Lam, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine weitere Zukunft!



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