Rainer König
“Gaukler und Indianerkenner”
Interview mit Rainer König von Andreas Hardt
So und nicht anders stellt Karl May eine seiner interessantesten und leider auch nie weiterentwickelten Romanfiguren vor: Juggle Fred. In einer bisher noch nicht erlebten Interpretation hat ihn Bühnenautor Michael Stamp in diesem Jahr in das Stück Winnetou I integriert.
Wir erinnern uns der Beschreibung durch Karl May in „Der Ölprinz“: Äußerlich mit einem Buckel sowie einer zernarbten linken Gesichtshälfte gestraft, besitzt er doch die vorzüglichen Qualitäten eines Scouts. Seine Umgebung erfreut der ehemalige Kunstreiter mit Zauber- und Kunststückchen. In der diesjährigen Umsetzung erhielt die Figur des Juggle Freds allerdings ein wesentlich sympathischeres und ansprechendes Aussehen – doch davon später mehr.Rainer König, der im vergangenen Jahr so bravourös für den erkrankten Jochen Baumert in der Rolle des Sam Hawkens einsprang stellt den sächselnden Juggle Fred in dieser Saison dar.
Mit seiner Ausbildung als Pantomime und Clown verleiht der 54 jährige der Rolle den notwendigen skurrilen Charakter. Dabei brilliert dieser Juggle Fred weniger als Fährtensucher und Westmann denn als Gaukler und Unterhaltungskünstler. Tatsächlich gehört „fahrendes Volk“ zur Unterhaltung der Land- und Stadtbevölkerung ebenso zur europäischen wie amerikanischen Geschichte. Dem fortschreitenden Eisenbahnbau des 19. Jahrhunderts und seinen Arbeitskolonnen folgten Gruppen von Künstlern quer durch die Prärien und Gebirge., Diese boten vom freizügigen französischen Cancan (ebenfalls in diesem Jahr in „Winnetou I“ zu sehen) über Gesangseinlagen bis hin zu Zauberkunststücken ein breites Unterhaltungs-programm für die seltenen freien Stunden der Bahnarbeiter.Rainer König besitzt einen der ungewöhnlichsten Lebensläufe unter den in über 50 Jahren am Kalkberg agierenden Darstellern. König, studierter Kulturwissenschaftler, kann sich nicht nur auf seine Ausbildung als Clown und Pantomime stützen sondern besitzt auch ein profundes Wissen und Interesse an der Kultur der amerikanischen Prärieindianer. Die Mitwirkung in einem Karl May Stück stellte einen lang gehegten Wunsch dar – der sich bekanntlich im vergangenen Jahr für ihn sehr überraschend erfüllte. Nach seiner überzeugenden Leistung stand König sicherlich sehr früh weit oben auf der Wunschliste für die diesjährige Besetzung. Nach dem Premierenwochenende konnten wir in einem gemeinsamen Gespräch seine Eindrücke und Erlebnisse besprechen.
WWR: Nun liegt das anstrengende Premierenwochenende hinter ihnen – wie erholen sie sich?
RK: Gar nicht! Ich fahre jetzt nach Hause, verbringe ein paar Stunden mit meiner lieben Familie und dann probe ich schon wieder für „Der Bettelstudent“ in Dresden. Das war nämlich ein echtes Problem. Für meine Rolle in diesem Stück gibt es keine Zweitbesetzung. Um aber hier in Bad Segeberg spielen zu können, habe ich dann einen Ersatzmann besorgt, der für mich bis zur Sommerpause des Stückes an den Wochenenden einspringen konnte. Das Management an der Staatsoper hat mir vertraut bei der Suche nach dem Ersatzdarsteller. Den habe ich in Felix Voigt gefunden. Wir haben eine Woche zusammen geprobt und es hat alles gut geklappt.
WWR: Soviel Aufwand um in Bad Segeberg zu spielen.
RK: Das war es mir wert!
WWR: Welchen Stellenwert hat die Arbeit in ihrem Leben?
RK: Die läuft parallel zur Familie. Ich habe da eine gute Mischung hingekriegt. Aber die Familie ist im Zweifel immer die Nummer 1.
WWR: War ihre Familie bei der Premiere zugegen?
RK: Nein, die kommen erst, wenn die Schulferien in Sachsen beginnen. Bis dahin fahre ich an den spielfreien Tagen nach Hause, arbeite dort oder verbringe gänzlich freie Tage zeltend hier in Bad Segeberg.
WWR: Also sie spielen nicht nur unter freiem Himmel, sie leben auch unter freiem Himmel. 
RK: Ja! Ich liebe das!
WWR: Waren sie mit der Premiere zufrieden?
RK: Absolut! Jetzt ist die große Nervosität weg und es geht darum, das Publikum noch 70 mal zu begeistern und das Stück zu optimieren!
WWR: Ihr Kostüm erinnert sehr stark an…
RK: (lacht) Das war wirklich lustig! Als ich das Textbuch las zog ich gleich die Vergleiche zu den mir bekannten Bildern der frühen Showstars Amerikas wie z.B. eben Buffalo Bill. In Bad Segeberg angekommen stellte ich dann fest, dass man sich in der Garderobe bereits sehr ähnliche Gedanken gemacht hatte. Wir haben dann nur noch auf meine Anregung hin, den ersten Kostümentwurf verändert und optimiert, das Rodeohemd, die Hosen und der riesige Hut wurden dann noch etwas angepasst, damit alles noch etwas lustiger wirkt. Dann fehlte nur noch der passende Bart und die Hommage an eine der größten Persönlichkeiten des amerikanischen Westens war perfekt!
WWR: Timing ist in ihrem Job extrem wichtig! Wie schnell konnten sie sich auf ihren Partner, Frank Schröder, einstellen?
RK: Völlig richtig! Timing ist alles! Man muss sich natürlich erst mal kennen lernen, sich aufeinander einspielen und an den Rhythmus des Partners angleichen. Das ist aber trotz aller Probenarbeit nur die halbe Wahrheit. Deine Wirkung auf das Publikum erfährst du eben erst wenn es wirklich losgeht, d.h. sind die Pausen richtig positioniert, wo müssen wir langsamer oder schneller werden. Hier müssen wir genau beobachten und ständig nachjustieren bis es wirklich passt.
WWR: Humor am Kalkberg wird in den Fankreisen immer sehr kontrovers diskutiert.
RK: Hier muss Humor für Kinder und Erwachsene präsentiert werden. Dazu gehört ein cleveres Wortspiel genauso wie ein trashiger Kaktus! Im Ende muss der Regisseur entscheiden, welche Art von Humor und in welcher Weise solcher in ein Stück passt.
Ich habe viele Karl May Bände gelesen und mag den Humor dieses Schriftstellers sehr. In den Büchern sind genug Ideen und Ansätze enthalten, die förmlich für eine Bühne geschrieben sind. Natürlich muss man aus dieser literarischen Vorlage zeitgemäßes Theater schaffen.
WWR: Viele Karl May Freunde bemängeln die buchfremden Charaktere und frei erfundenen Rollen wie z.B. die des Jacques LeClou.
RK: Das ist natürlich künstlerische Freiheit des Autoren der Bühnenfassung. Aber warum soll man nicht überraschendes und neues bieten. Ich könnte mir zum Beispiel auch gut einen lustig angelegten Indianerpart vorstellen.
WWR: Wurde am Rollenprofil des Juggle Fred während der Proben Anpassungen vorgenommen?
RK: Ursprünglich waren Franks und meine Szenen sehr viel ausgedehnter mit mehr Dialog und sogar einer Kampfszene mit den Indianern. Aber leider mussten Kürzungen wegen der Gesamtlänge der Inszenierung vorgenommen werden. Das war schon schade, in einige Gags hatten wir uns schon regelrecht verliebt.
WWR: Wenn es ums Kürzen geht, kämpfen Schauspieler dann um ihren Part?
RK: (lacht) Na klar! Man denkt dann sogar darüber nach, wie man die streichungsgefährdeten Parts noch lustiger und besser machen kann und versucht damit seinen Anteil am Stück zu retten. Aber wenn es dich am Ende doch erwischt, dann schluckst du die bittere Pille halt. Es geht doch darum, dass das Stück insgesamt gewinnt und runder wird.
Mich persönlich beschäftigt hier jedoch noch eine andere Frage: integriert sich die Komik gut ins Stück oder wirkt es wie reinmontiert, nur damit etwas lustiges passiert?
WWR: Natürlich hätte man die Figuren noch stärker integrieren können, wenn sie eine stärkere Bindung an die anderen Darsteller gefunden hätten.
RK: Aber da haben wir wieder das Problem der Länge. Wenn sich Sam Hawkens und Juggle Fred herzlich begrüßen, dann kann der Zuschauer zwar erahnen, dass die beiden gemeinsame Abenteuer verbindet. Details bleiben jedoch im Dunkeln.
WWR: Ein erstes Fazit ihres diesjährigen Engagements?
RK: Im empfinde die Arbeit mit Frank Schröder als sehr angenehm und er hat mir natürlich auch viele nützliche Tips aus seiner bisherigen Arbeit hier am Kalkberg geben können. Ich glaube, wir sind ein gutes Team und kontrastieren auch gut in unseren verschiedenen Rollen. Allein schon die unterschiedlichen Akzente des Sachsen und des Franzosen sowie die sich daraus ergebenden Verwirrungen sorgen schon für jede Menge Lacher.
WWR: Viele Fans waren erfreut über ihre erneute Verpflichtung und dann aber genauso überrascht, als die Rolle des Juggle Fred veröffentlicht wurde. Alle hatten eigentlich mit einer erneuten Darstellung des Sam Hawkens gerechnet.
RK: Ich habe mich über die Verpflichtung sehr gefreut, die Rolle war mir eigentlich egal. Aber ich muss schon sagen, dass ich mich als Juggle Fred sehr wohl fühle.
WWR: Die Rolle ist ihnen ja auch wie auf den Leib geschrieben.
RK: Natürlich kann ich hier vieles von dem, was ich im Verlauf meines Lebens als Clown und Pantomime gelernt habe einsetzen. (augenzwinkernd) Und ich glaube, ich habe damit sogar mehr zu tun als ich es als Sam Hawkens gehabt hätte!
WWR: Als Sachse haben sie natürlich noch eine engere Beziehung zu Karl May…
RK: …und auch zu den Bühnen und deren Darsteller. So kenne ich den ehemaligen Old Shatterhand-Darsteller der Bühne Rathen, Jürgen Haase, schon seit vielen Jahren.
WWR: Turbulente Zeiten in Rathen. Zuerst wurden die langjährigen erfolgreichen Blutsbrüder-Darsteller Haase und Birkholz ersetzt und dann mussten die Nachfolger verletzungsbedingt noch einmal vor Saisonbeginn umbesetzt werden.
RK: Ich fand es sehr unglücklich, so ein Team en passant in der vorletzten Vorstellung zu verabschieden. Daraus macht man ein richtiges Event! Mit dem dann vorgesehenen Old Shatterhand Erik Brünner habe ich auch schon viel zusammengearbeitet. Aber der hatte dann ja einen schweren Reitunfall und man musste erneut ändern. Da sieht man eben, welchen Gefahren auch hier täglich auf die Darsteller lauern.
WWR: Wir haben ja nicht zuletzt im letzten Jahr erlebt, was für ein logistisches Problem der Ausfall eines Darstellers bedeutet.
RK: Das ist aber kein alleiniges Problem hier in Bad Segeberg. Kaum ein Theater kann sich heute noch eine alternierende Besetzung erlauben. Ich habe es an der Staatsoperette in Dresden mehrfach erlebt, dass ein Hauptdarsteller ausgefallen ist und von irgendwo ein Ersatz eingeflogen wurde, 5 oder 8 Stunden vor Auftritt. Dieser Ersatz beherrscht dann zwar Musik und Text aber kennt dafür die ganze Inszenierung überhaupt nicht. Man zeigt ihm dann ein Video und schon geht es los. Die anderen Darsteller führen ihn praktisch über die Bühne während er singt. Da steht allen Beteiligten der Angstschweiß auf der Stirn.
WWR: In diesem Jahr hat in Bad Segeberg ein echter Umbruch stattgefunden. Viele langjährige Darsteller sind in dieser Saison nicht mehr dabei. Wie schwer ist es für ein Ensemble, sich zu finden und miteinander zu arbeiten?
RK: Natürlich ist das schwierig. Aber hier kommen ja durch die Einbindung von Tieren und Spezialeffekten noch vielfältige Herausforderungen hinzu und das macht jeden von uns am Anfang nervös. Man kriegt sein Pferd, die Rolle und die Waffen vorgesetzt. Das Pferd ist auch nur ein Mensch und besitzt seinen eigenen Kopf. Die Waffen trotz Platzpatronen können jeden Kürbis zum Platzen bringen! Man muss also schon soviel Aufmerksamkeit diesen Dingen widmen um sich und andere nicht zu gefährden, da hat man noch keine Sekunde auf der Bühne gespielt!
WWR: So ist die Probezeit ja auch nicht ohne Unfall geblieben.
RK: In der Arbeit mit Tieren liegt immer ein Risiko. In diesem Falle wurde das Doppelgespann vor dem Wagen nervös, ging durch und verletzte einen Kleindarsteller schwer. Aus Sicherheitsgründen haben wir dies hiernach auf ein Pferd reduziert. Aber in jeder Vorstellung kann es passieren, dass die Tiere nicht immer so reagieren wir gewünscht. Dann muß man improvisieren und seinen Dialog ggfs. anpassen oder ändern bis der Kutscher die Situation wieder beherrscht.
WWR: Die Karl May Spiele genießen durch die Teilnahme von Erol Sander auch ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit durch die Medien. War das Team vor der Premiere sehr nervös?
RK: Natürlich waren wir nervös. Denn die letzten Probentage fanden unter widrigsten Wetterbedingungen statt und vieles musste improvisiert werden. Bis zur Generalprobe hat man nicht wirklich ein Empfinden dafür, ob das Stück in Gänze funktioniert. Dazu kommt, dass viele der Darsteller nie zuvor auf einem Pferd gesessen haben und das Reiten innerhalb weniger Wochen erlernen mussten, wie z.B. Thorsten Nindel. Da kann ich nur sagen: Hut ab!
WWR: Hat Erol Sander besondere Nervosität zeigen lassen?
RK: Erol war von Anfang an sehr konzentriert weil er wusste, worum es geht. Bei den Vorgängern in der Rolle hat er am meisten von uns zu verlieren und stand bestimmt unter enormen Druck. In den ersten Probentagen hat er intensiv nach seinem Stil gesucht, ihn gefunden und spielt diese Rolle nun auch souverän aus.
WWR: Ihr eigenes Reittalent ist in diesem Jahr gar nicht gefordert.
RK: Nein, ich pflege es und entwickle mich weiter. Ich habe im vergangenen Jahr mit Westernreiten begonnen. Gemeinsam mit einem Bekannten habe ich intensiv mit den Pferden gearbeitet. Zwischenzeitlich reiten wir sogar ohne Sattel und schiessen mit Pfeil und Bogen aus vollem Galopp auf Scheibenziele. Eine fantastische Herausforderung! Ein Hochgenuss für Mensch und Tier.
WWR: Bei all diesen Fertigkeiten muss ein Engagement an einem Freilichttheater ja die logische Konsequenz sein!
RK: Mir kommt hier einfach meine Erfahrung aus den verschiedenen Zirkus-Engagements zu Gute. Die fast kreisrunde Arena hier stellt die gleichen Anforderungen. Du musst versuchen, die Beziehung zum Partner aufrecht zu erhalten und trotzdem alle bis in die letzte Reihe zu erreichen.
WWR: Rainer König, ein Mann der sich bereits seit frühester Jugend mit den Indianern Nordamerikas beschäftigt.
RK: Ich war schon als Jugendlicher aktives Mitglied einer Interessengemeinschaft für indianische Kultur. Auftritte in aufwändigen Kostümen, mit Pferden und Tipis gehörten hierzu. Ich habe mich also sehr früh für Wertedenken und Kultur der Plains-Indianer interessiert. 2002 habe ich in Minnesota die heiligen Steinbrüche der Indianer besucht und eine Friedenspfeife erworben. Einer der Indianer dort hat mich gefragt, warum ich dies tue und was mir die Pfeife bedeutet. Wir haben uns lange und intensiv unterhalten. Am Ende unseres Gesprächs schüttelte er den Kopf und gab mir die Empfehlung, in South Dakota die Rosebud Reservation aufzusuchen und die Pfeife dort weihen zu lassen. Als ich dort ankam, war es gar nicht so einfach, die Menschen zu überzeugen, dass ich nicht einfach irgendein Tourist war. Schließlich erreichte ich den White River und traute meinen Augen nicht. Alles voller Tipis! Es war wie in meinen Träumen. Dort habe ich dann 4 oder 5 Tage verbracht. Die Indianer bereiteten sich auf das alljährliche Sonnentanzritual vor. Im Rahmen dieser Zeremonien werden auch die Pfeifen der Teilnehmer geweiht. Ein unbeschreibliches Erlebnis.
WWR: Sicherlich nicht alltäglich, dass die amerikanischen Ureinwohner Fremde an diesem traditionellen Fest teilnehmen lassen.
RK: Der Medizinmann hat sich lange mit mir über meine persönlichen Motive unterhalten. Aber dann sagte er: Alle die zu uns kommen um zu Lernen sind uns willkommen. So traf ich dann auch auf Italiener und Franzosen, die genau wie ich in diesen entlegenen Winkel von South Dakota vorgestoßen waren.
WWR: Haben sie auch die Probleme der Indianer erleben können?
RK: Das größte Übel ist bis heute der Alkohol. Wirtschaftlich schwach verbringen viele Indianer die meiste Zeit gelangweilt und beschäftigungslos in ihren Reservaten. Die Rückbesinnung auf die alten ursprünglichen Werte dieses Volkes erfolgt nur sehr langsam.
WWR: Wenn man die Realität erlebt hat, kommt einem so ein Karl May Theater nicht schon albern vor?
RK: Da muss man unterscheiden und trennen können. Also ich wundere mich ja durchaus über mich selber woher meine persönliche Affinität zu den Indianern kommt. Aber das betrifft wohl die Masse der Deutschen: wir haben ein unglaublich starkes Interesse an den amerikanischen Indianern. Sie versinnbildlichen vieles von dem, wonach sich große Teile unserer Gesellschaft sehnen. Mein Engagement hier ist ein wenig wie eine Rückbesinnung auf meine Jugendzeit als ich als 16 jähriger im Radebeuler Indianerclub mitgemacht habe.
So mag sich also für Rainer König ein Kreis schließen. How Kola!
Bilder: Andreas Hardt