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Ingo Naujoks


“Der Mann mit den zwei Gesichtern”

Interview mit Ingo Naujoks von Andreas Hardt & Malte Gleßmann

Es gibt Schauspieler, deren Vita sich in weiten Teilen identisch liest: Schulabschluss, Ausbildung an der Schauspielschule XY, Auslandsaufenthalt, Praktikum hier, Zusatzausbildung da, Engagement in Soap Kennichschon und Habichschongesehen. Dann mal ein Theaterengagement usw. Umso interessanter wirken jedoch diejenigen Mimen, deren Lebensweg hiervon deutlich abweicht, wo man beim Lesen schon spürt, dass einige ungewöhnliche Momente deren Werdegang auszeichnen. Ein solcher Mann wirkt in diesem Jahr in der Aufführung „Halbblut“ am Fuße des Kalkbergs mit: Ingo Naujoks.

WWR: Herr Naujoks, ist Karl May nicht nur was für Spießer? Alles so schön einfach, schwarz und weiß, Gut und Böse…

IN: (lacht) Die Einfachheit in der Betrachtung – das stimmt schon. Aber ich glaube, das hat nichts mit einer „Spießer“-Haltung zu tun. Wir leben in einer so globalen Welt, in der uns tausende von Meinungen, Eindrücken und Informationen zugänglich sind, eine Welt in der es kaum einen Winkel gibt in den man nicht hineinzoomen oder zappen kann, das es manchmal doch ganz schön ist, wenn man Dinge und Sachverhalte vereinfachen kann. So ist es ein großer Vorteil von Karl May, dass die Zuschauer sich neben einer sehr komplizierten realen Welt auf ein etwas eindeutigeres und klareres Erlebnis einlassen können. Das ist eine Welt, in der jeder weiß, wo er steht, ohne wenn und aber.

WWR: Greift das dramaturgische Prinzip nur bei Karl May?

IN: Nein, das würde ich zum Beispiel auch auf die James Bond Filme übertragen wollen. Die reale Welt funktioniert leider eben nicht so einfach, da müssen wir uns noch sehr in Diplomatie üben.

WWR: Welche Erwartungshaltung besitzen nach ihrer Meinung die Besucher der Karl May Spiele?

IN: Ich glaube, das Erlebnis hier wird von den Besuchern gar nicht so stark hinterfragt. Nach den Gesprächen, die ich bisher hier mit Kollegen und Zuschauern geführt habe, gefällt denen das klare Heldenbild und die stringente Handlung. Zwischen den Zeilen zu Lesen, darauf sind die gar nicht scharf. Die Welt da draußen ist kompliziert genug.

WWR: Verbinden sich denn trotzdem mit einer Karl May Aufführung auch Botschaften an den Zuschauer?

IN: Unbedingt! Wir zeigen wie man einfache aber wichtige Botschaften vermitteln kann. Wie es zum Beispiel Winnetou treffend formuliert: Ein Funke im Herzen aus dem ein Feuer werden kann!

WWR: Ein hoher Anteil der Besucher sind ja Kinder. Brauchen gerade die besonders einfache verständliche Botschaften?

IN: Kinder bauen sich ihre ganz eigene Welt – auch hier bei Karl May. Ich erlebe ja oft, wie schnell und offen die Kinder auf die Handlung reagieren, wenn Zwischenrufe kommen wie „Vorsicht Winnetou!“ und „Pass auf, da kommt er!“. Kinder besitzen ein untrügliches Gefühl für Gut und Böse auch ohne besondere Erziehung oder Vorbildung. Die verkomplizieren das Ganze auch nicht im Sinne von „Warum hat der jetzt nicht…“ oder „Wieso hat der jetzt…“.

WWR: Fühlen sie sich als Schauspieler, der nun so viele verschiedene Rollen gespielt hat und nie in ein einzelnes Genre hineingedrängt wurde, hier nicht klischeehaft eingesetzt?

IN: Nein, das ist ja auch ein besonderer Reiz dieses Theaters! Hier musst du deine Rolle nicht unbedingt so psychologisieren und interpretieren wie bei anderen Engagements. Wenn du zum Beispiel einen Psychopathen in einem Krimi spielst, dann fragst du dich als Schauspieler schon, warum tickt der Kerl so, warum reagiert er so, wie mag seine Biografie aussehen, warum und wann hat dieser Charakter diese oder jene Entwicklung genommen. Das läuft hier ganz anders. Es macht Spaß, mit klaren einfachen Mitteln, d.h. die Stimme drücken, die Bewegungen kantiger und eckiger, zu arbeiten und schon hast du das Gefühl, mitten in der Prärie zu stehen.

WWR: Und doch ist es so, dass Autor Michael Stamp genau in diesem Jahr mit seiner Adaption von der Schwarz-Weiß Matrix der Bösewichte abgewichen ist.

IN: Das habe ich auch früh realisiert und als sehr reizvoll erachtet. Ich gebe zu, als Kind des Ruhrgebiets fehlte mir der persönliche Bezug hier in den Norden und auch später habe ich mich nie für die Karl May Spiele in Bad Segeberg interessiert…

WWR: Als Nordrhein-Westfale liegt da Karl May im Sauerland näher…

IN: (lacht) Neeh, nicht mal das. Aber die Kollegen, die hier schon öfter mitgewirkt haben, erklärten mir gleich in der ersten Leserunde, dass dieser Schurke ganz anders ist. Eben nicht in Schwarz gekleidet oder in abgerissenen Kavallerie-Klamotten herumreitet.

WWR: Wer waren denn die Helden ihrer Jugendzeit?

IN: Das waren Patrick McNee in „Mit Schirm, Charme und Melone“ oder Bill Cosby und Robert Culp in „Tennisschläger und Kanonen“. Nachmittags traf man sich eben mit seinen Freunden auf dem Hinterhof und tauschte sich aus: „Hast du das gesehen?“. Ich hatte immer Spaß daran, Teile des Gesehenen den anderen Kindern vor- und nach zu spielen. Ich war als Kind auch körperlich nie der Überlegene sondern habe eher mit dem Mund vorgearbeitet – und wenn es sein musste mal mit den Beinen nachgelegt. Schauspielern war für mich immer mehr eine Lebenseinstellung bzw. eine Haltung als ein Beruf.

WWR: Deswegen auch nicht der klassische Werdegang in diesem Beruf?

IN: Ich hatte immer das Gefühl, das Leben ist bunter wenn man Geschichten zu erzählen hat. Einen Entdecker hatte ich in dem Sinne nicht. Wir haben mit einer Jugendband und einer Laienbühne begonnen. Es entstanden die unterschiedlichsten Kontakte, Verbindungen zerbrachen, entstanden neu, dann kam mal eine erste Förderung von einer Seite zustande, dann ein erstes Engagement.

WWR: Das sollte doch all denen Mut machen, die auch diesem Traum der Schauspielerei nachhängen.

IN: Es gehört auch das Glück dazu, im richtigen Moment von den richtigen Leuten gesehen zu werden. Aber das war eine Tortur, die ich heute auch nicht mehr schaffen würde. Nächtelanges Vorarbeiten, Stücke schreiben, Plakate entwerfen, Verträge aushandeln, Bühnen bauen, Werbung verteilen… einfach alles selber machen. Ein Leben von der Hand in den Mund. Und wenn dann einer nach deinem Berufswunsch fragte trotzdem voller Überzeugung: Schauspieler!

WWR: Ein Job, von dem man aber auch leben können muss. Dein Kamin muss auch rauchen!

IN: Natürlich, es geht nicht alles um der Kunst willen. Und mein Kamin hat lange gestockt und auch bis heute fahre ich die Kohle nicht mit dem Gabelstapler nach Hause. Es ist über lange Zeit auch ein Leben im Dispo…

WWR: Dabei gibt es auch günstige Bauspar-Darlehen…

IN: (grinst) Klar! Aber irgendwann möchte man eben doch mal auf seine kleine Datscha blicken und etwas in der Reserve haben. Wenn jetzt ein junger Kollege kommt und fragt, ob er ein Angebot für eine Daily Soap annehmen soll, dann würde ich immer stets dazu raten. Es ist doch eine Sache, ob du als Schauspieler arbeiten und bei jedem Engagement etwas Neues lernen kannst oder ob du in einer Kneipe jobbst und auf die große Chance wartest.

WWR: Finanzielle Absicherung…

IN: …macht es dem Schauspieler leichter, bewusst besondere Herausforderungen zu suchen, von denen er aber auch genau weiß, dass es sich um Low Budget Produktionen handelt.

WWR: Ingo Naujoks scheint alles schon mal ausprobiert zu haben: Gesang, Komödien, Tragödien, Kriminalgeschichten. Ist das auch ein Charakterzug von ihnen, alles mal erleben zu wollen?

IN: Einerseits ja. Aber in diesem Beruf sollte man doch auch neugierig und offen für alles sein. Vieles wird erst klar und begreiflich, wenn man es erlebt hat. Wo liegt das Geheimnis, der Trick und der Kick verschiedener Rollen? Diese Experimentierfreude besitzt nicht jeder. Die einen interessieren sich für die Geheimnisse der Mathematik und ich mich für die Frage, wie man Menschen anrühren und erreichen kann.

WWR: Welche Erkenntnisse gewinnen sie denn hier am Kalkberg?

IN: Hier habe ich ganz neue Erfahrungen gewonnen. Wie erreichst du Tausende von Menschen? Das nonverbale Spiel vor der Kamera besitzt hier kaum Wirkung. Hier muss ich die große Geste verwenden, die aber trotzdem nicht überzogen oder pathetisch wirken darf – es sei denn, genau das ist in diesem Moment gewünscht. Eine zusätzliche Herausforderung lag im Reiten, denn das musste hier für dieses Engagement erst lernen. Aber natürlich will ich meinen Vorgängern ja in nichts nachstehen. Mittlerweile funktioniert das gut und mein Pferd und ich behandeln uns gegenseitig mit viel Respekt. Das Geballer und Geschieße ist schon mein Ding, da kann ich das Kind im Manne richtig ausleben.

WWR: Wie ist denn der Kontakt zu den Karl May Spielen von Bad Segeberg entstanden?

IN: Ganz professionell über meine Agentur. Wenn die Karl May Spiele von Bad Segeberg anfragen, wird das als überaus ernste Anfrage mit viel Potenzial gewertet. Die Liste der Darsteller hier oben liest sich ja dementsprechend: Martin Semmelrogge, Dorkas Kiefer, Dunja Raiter und nicht zuletzt Erol Sander.

WWR: Charakterisieren sie doch in kurzen Worten ihre Rolle als Charles Leveret.

IN: In der Applausordnung werde ich immer als „Mann mit den zwei Gesichtern“ vorgestellt und das drückt es am besten aus. Hätte man diesen Leverett zehn Jahre zuvor kennen gelernt, hätte man ihn bestimmt als sozialen und verantwortungsvollen Menschen erlebt. Aber es ist eine Kapitalistengeschichte, er ist dem Reiz und der Verlockung des Goldes erlegen. Erschwerend kommt die unerwiderte Liebe zu Kitty LaBelle hinzu, die auch nicht käuflich ist.

WWR: Der Kalkberg lebt von Anekdoten und Geschichten. Welche nehmen sie mit nach Hause?

IN: Die Probenzeit war sehr anstrengend und die Hitze war für Darsteller und Tiere schon sehr belastend. Der Stamm des roten Kreuzes musste mehrmals Kreislaufprobleme bei Mensch und Tier behandeln. Unfreiwillig komisch war zweifellos, als Urgestein Joshy Peters bei seinem üblichen temporeichen Abritt aus der Applausordnung aus dem Sattel rutschte. Gott sei Dank ist nichts passiert. Für mich persönlich ist der lange Mantel die größte Herausforderung.

WWR: Der Mantel, den sie bei ihrem ersten Auftritt tragen?

IN: Richtig. Ich soll dann ja den Revolver ziehen und mit einem Schuss in die Luft für Ruhe und Ordnung sorgen. Aber meine Autorität leidet doch ziemlich, wenn von hinten ein Windstoss kommt und mir den Mantel um den Körper schlägt, so dass sich der Colt ständig darin verheddert. Insgesamt befinden wir uns jetzt, gegen Halbzeit der Saison in einer sehr schwierigen Phase. Vieles läuft mit großer Routine und in der Routine liegt die Gefahr der Selbstüberschätzung, der Unaufmerksamkeit. Jetzt heißt es, darauf zu achten, dass die Konzentration nicht nachlässt.

WWR: Ihre Anfänge liegen ja auch in der Musik.

IN: Dazu komme ich kaum noch, denn es ist schwer die notwendige Kontinuität zu entfalten. Eine Band an sich zu binden, mit der man eben nicht ständig proben und arbeiten kann, ist schwierig. Die Band will arbeiten und nicht nur die Lücken zwischen meinen Theater- und Fernsehengagements füllen.

WWR: Eine Journalistin schrieb mit Blick auf ihre frühen Auftritte mit der Punkband Fishbüro: „Vom Revolluzer zum Revolverheld“.

IN: Die Zeit des Punks wird oft überschätzt. Es bot mir schon die Gelegenheit, Performance und Darstellung zu üben. Es war aber eine Zeit, in der man ohne etwas können zu müssen, es trotzdem tun durfte. Hauptsache man war authentisch! Ohne die ganzen Fakultäten besucht zu haben, nahm man sich die Freiheit mit seinen Sinnen und den Gott gegebenen Fähigkeiten künstlerisch tätig zu sein. Es herrschte viel Toleranz und Akzeptanz. Jede Generation hatte ihre Anti-Haltung. Das ist das Privileg der Jugend.

WWR: Aber da lagen auch Risiken drin.

IN: Natürlich, wir haben auch manches Event erlebt, das hätte im Krankenhaus enden können. Es war eine wilde Zeit und die hat mir auch gut getan. Der Mensch ist nicht immer nur zahm und weiß eben auch nicht immer, wohin seine Reise führt.

WWR: Wo liegen denn die weiteren Ziele des Ingo Naujoks?

IN: Ich möchte mich noch stärker in der Film- und Fernsehlandschaft Deutschlands positionieren. Wunderbar wäre natürlich auch ein Engagement bei einer internationalen Produktion.

WWR: Haben ihre Kinder sie denn schon hier auf der Bühne gesehen?

IN: Ja, letzte Woche war gerade erst mein dreijähriger Sohn mit hier, der fand das alles schon sehr spannend.

WWR: Da ich hauptberuflich in einer Bank arbeite, gebe ich zu, bei Bekanntwerden ihrer Verpflichtung zuerst an den seinerzeitigen LBS Bauspar Werbefilm gedacht zu haben.

IN: Das war ja Wahnsinn! Das ging ja ab wie Pommes Frites! Ich lebte damals im Raum Berlin und da kam es immer wieder vor, dass jemand auf der Straße neben mir bremste und rief: „Ey, bist du nicht der Spießer?“ (lacht) Da versuchst du jahrelang was Seriöses auf die Beine zu stellen und dann kommst du mit so was groß raus!

WWR: Wissen sie eigentlich, dass sich ihre Wege mit Joshy Peters schon einmal gekreuzt haben?

IN: Ja, das haben mir in den letzten Wochen schon einige Leute erzählt: „Karniggels“ von Detlev Buck. Aber ich kann mich gar nicht daran erinnern. Ich glaube, ich spreche Joshy jetzt gleich mal darauf an.

WWR: Dann viel Spaß bei der gemeinsamen Rückbetrachtung und weiterhin viel Erfolg hier am Kalkberg.





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