Dorkas Kiefer
“Frauenpower am Silbersee”
Interview mit Dorkas Kiefer von Andreas Hardt & HG Stricker
Als Karl May seinen persönlichen Traum der amerikanischen „Frontier“ zu Papier brachte, da geschah es unter Berücksichtigung der damaligen Konventionen im Zusammenleben zwischen Mann und Frau. So finden sich neben edlen Prinzessinnen und weisen Greisinnen zwar in einigen Werken auch rustikale Frauengestalten als Farmerinnen und Inhaber von Gasthäusern, jedoch sucht man vergebens nach einer Figur wie sie in diesem Jahr in Bad Segeberg auf der Bühne steht: Jolene Blenter. Eine junge Frau, die von ihren eigenen Dämonen getrieben, bewaffnet wie ein Mann durch die Weiten des amerikanischen Westens zieht. Das Rachemotiv ist eines der ursprünglichsten und originärsten im amerikanischen Western – bei Karl May werden die Helden jedoch nicht müde, vor den Gefahren blinder Rachsucht zu warnen. So belegt die Figur Jolene Blenter einen Platz in der diesjährigen Karl May Aufführung, die einerseits werkfremd andererseits in ihrer Motivation an Figuren a la Bloody Fox („Der Geist des Llano Estacado“) erinnert. Mit Dorkas Kiefer fanden die Verantwortlichen eine Darstellerin, die der Rolle einen einzigartigen Charakter verleiht.
Die attraktive Schauspielerin strahlt in diesen Tagen ein hohes Maß an Zufriedenheit aus, wenn sie über dieses außergewöhnliche Engagement am Kalkberg spricht. An einem Sonntagmorgen nach 5 anstrengenden Vorstellungen stand uns Dorkas Kiefer für ein Gespräch zur Verfügung.
WWR: Nach einem harten Tag in der Prärie pflegt Jolene sich einen Drink im Saloon zu genehmigen. Womit können wir Ihnen heute einen Gefallen tun?
DK: Kräutertee! Mit viel Honig!
WWR: Sie klingen etwas rauh…
DK: Ja, wenn das so weiter geht mache ich Martin Semmelrogge noch richtig Konkurrenz!
WWR: Wer ist denn ihr wichtigster Partner bei diesem Engagement?
DK: Mein Pferd! Nach jeder Vorstellung bringe ich ihm noch Obst oder Gemüse in den Stall. Das ist ein richtiges Ritual und hat uns zu einem tollen Team zusammengeschweisst!
WWR: Sie klingen begeistert!
DK: Ja, ich bin richtig berauscht! (lacht) Das ist wirklich toll. Ich hatte mir diese Aufgabe schon außergewöhnlich vorgestellt Aber ich gestehe, meine kühnsten Erwartungen sind übertroffen worden. Diese ungewöhnliche Nähe zum Publikum in diesem Amphittheater, das ist mit nichts zu vergleichen. Wenn ich dort unten stehe und hinauf in die Ränge des ausverkauften Theaters blicke, dann läuft mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken.
WWR: Was waren denn ihre letzten Gedanken vor ihrem ersten Auftritt in der Premiere?
DK: Bevor ich in die Arena hineinritt dachte ich: hoffentlich zerspringt die Zuckerflasche bei der Schlägerei nicht in meiner Hand sondern erst beim Schlag auf den Kopf des Stuntman.
WWR: Ist das denn während der Proben geschehen?
DK: Nein, das nicht. Aber weil diese Flaschen Spezialanfertigungen und sehr teuer sind, konnten wir bis zur Premiere nur zweimal damit arbeiten.
WWR: Wie gehen sie denn mit der Anspannung und Nervosität um?
DK: Ich stelle mich ihr! Ich lasse es durchaus zu, nervös zu sein und Angst zu haben. Dann überlege ich mir, was alles schief gehen könnte, lege mir die Handlungsmöglichkeiten zurecht und finde wieder meine innere Mitte und Ruhe.
WWR: Schiefgehen kann immer etwas.
DK: Wie zum Beispiel in der Generalprobe als der Revolver Ladehemmung hatte. Da habe ich die Waffe sofort mit einem wütenden Ausruf weggeworfen und umdisponiert.
WWR: Die Leute haben es mit Applaus honoriert! Es gab keinen Bruch in der Handlung.
DK: Die Kollegen müssen natürlich auch entsprechend reagieren. Gerade Martin ist da sehr spontan und flexibel. Aber das ist natürlich der Reiz an dem Live-Erlebnis Karl May Spiele! Es kann immer etwas passieren!
WWR: Sie erleben also keine Vorstellung wie die andere?
DK: Richtig! Dabei sind es nicht unbedingt Unterschiede die für den Zuschauer erkennbar oder störend sind. Mitunter sind es nur Kleinigkeiten die nur den Mitwirkenden auffallen. Aber das macht die Arbeit so reizvoll! Einige mögen denken: Oh Gott, noch 70, noch 60 Vorstellungen. Ich nicht!
WWR: Haben Sie sich im Vorfeld Rat bei den erfahrenen Kalkbergkämpen geholt?
DK: Die erfahrenen Kollegen erzählten natürlich viel aus früheren Spielzeiten. Man kann nicht für alles eine Alternative haben. Wir können uns nur auf Eventualitäten einrichten und uns vorbereiten. So habe ich mir schon sehr früh einen Bühnenrevolver besorgt und damit das Drehen und Ziehen geübt.
WWR: War es schwer den Umgang mit der Waffe zu erlernen?
DK: (grinst) Ich bin ja nicht als Revolverheldin auf die Welt gekommen. Am Anfang war es sehr ungewohnt. Diese Waffen sind ja auch sehr schwer und ich muss zwei davon führen. Damit authentisch zu wirken war für mich schon eine große Herausforderung. Also bin ich so lange damit herumgelaufen bis es für mich irgendwie selbstverständlich wurde. Den letzten Schliff habe ich dann in der Zusammenarbeit mit unseren Stuntmen und dem Waffenmeister bekommen.
WWR: Was haben Sie denn im ersten Augenblick von dem Rollenangebot einer revolverschwingenden Blondine gehalten?
DK: Alles fing mit einer E-Mail in, in der ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, mit Winnetou und Old Firehand durch die Prärie zu reiten. Zuerst dachte ich, das wäre ein Scherz. Aber beim weiteren Lesen wurde mir dann klar, dass das ein ernst zu nehmendes Angebot war. Als Kind habe ich mir immer mal gewünscht so eine Karl May Aufführung zu besuchen. Aber von Süddeutschland aus, wo ich aufgewachsen bin, war das einfach zu weit weg.
WWR: Dabei ist ihre Rolle eine reine Erfindung des hiesigen Autoren Michael Stamp.
DK: Zum Glück! Ich weiß nicht, ob ich Lust hätte, so eine brave Indianerin wie Nscho-Tschi zu spielen. Aber als ich den ersten Buchentwurf las, da hatte ich sofort ein Verständnis für diese Figur und ihre Motive.
WWR: Charakterisieren Sie die Figur der Jolene doch einmal für uns.
DK: (lächelt) Das ist einfach eine geile Rolle! Diese Jolene, die hat Eier in der Hose! Das ist eine Frau, die sich behaupten muss, die kämpfen muss in einer von Männern dominierten Welt. Genau mein Ding! Für mich eine echte Traumrolle! Ich habe da so konkrete Vorstellungen von der Figur entwickelt, dass ich mich sogar selber schminke!
WWR: Gibt es denn denn Charaktereigenschaften der Jolene, die sie auch bei sich selbst sehen?
DK: Ja! Vor allem das Durchsetzungsvermögen! Ich bin mit Jungs groß geworden und habe gelernt mich zu behaupten! Jolene wird stets unterschätzt. Das kenne ich! Ich fahre leidenschaftlich gerne Go-Kart. Ich habe es oft erlebt, dass man mir da abschätzig gegenübertrat: Na, was will die Kleine denn hier. Aber die erlebten dann regelmäßig ihr blaues Wunder!
WWR: Sie spielen hier ja im Grunde mit einem alten Bekannten.
DK: Martin Semmelrogge kenne ich schon seit zwölf Jahren aber das ist tatsächlich unser erstes gemeinsames Engagement.
WWR: Woher stammt denn diese Bekanntschaft?
DK: Von der Kartbahn! Das war bei einer Promi-Veranstaltung für gute Zwecke. Ich habe sofort seinen Ehrgeiz gespürt, bis hin zur Verbissenheit. (lacht) Dafür wurde er auch mehrmals mit der schwarzen Fahne abgewunken und verwarnt. Aber mir gefiel, wie leidenschaftlich er sich da beteiligte. Das Kind im Manne! Das machte ihn mir vom ersten Tag an sympathisch. Von da an haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren und freuen uns immer wenn wir uns sehen.
WWR: Wann haben Sie denn den glücklichen Umstand des gemeinsamen Engagements wahrgenommen?
DK: Na, der erste glückliche Umstand war ja schon die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Erol Sander. Mit Erol bin ich schon seit 2000 befreundet. Ich lernte ihn während meiner Dreharbeiten in Berlin zu „Klinikum Berlin Mitte“ kennen. Aber wir haben uns in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren. Von Martins Engagement habe ich erst kurz vor der Pressevorstellung im März erfahren. Meine Zusage war also unabhängig davon schon erfolgt. Aber wir haben uns dann während der Pressevorstellung bereits überlegt, dass wir ein richtig spannendes Duell im Stück auskämpfen wollen.
WWR: Das klingt ja fast schon nach familiären Verhältnissen.
DK: Ich muss ehrlich sagen, ein so harmonisches Ensemble habe ich noch nie erlebt. Am Anfang bin ich regelrecht misstrauisch geworden und habe nur darauf gewartet, dass irgendeine Bombe platzt. Vom ersten Moment, von der ersten Leseprobe an herrschte eine tolle Stimmung. Es wurde gescherzt, gelacht und trotzdem konzentriert und konstruktiv gearbeitet. Neue Freundschaften sind entstanden. Zum Beispiel zwischen Patrick Wolff und mir. Oder auch mit Dirc Simpson,oder Ben Bremer,der mich in Berlin optimal auf das Reiten in der Arena vorbereitet hat.. Wir verbringen auch außerhalb der Bühne Zeit miteinander, diskutieren, tauschen uns aus und nehmen Anteil am Leben des anderen.
WWR: Freundschaft steht auch immer im Mittelpunkt der Werke Karl Mays.
DK: Ist das der Geist von Karl May den wir erleben? Aber es ist eben nicht selbstverständlich, wenn ein Erol Sander zu mir kommt und sagt: Mensch, Dorkas, Du hast ja jetzt die Szene gesehen. Gibt es da irgendwas, was ich anders oder besser machen kann? Dieses Vertrauen ist einfach toll!
WWR: Das Ziel ist der Weg dorthin?
DK: Ja, uns verband von Anfang an der Wunsch, gemeinsam etwas großes zu schaffen.
WWR: Sie scheinen auf dem besten Weg. Wenn der Zuschauerzuspruch unverändert anhält, dürfte es eine der erfolgreichsten Spielzeiten hier am Kalkberg werden.
DK: Hoffentlich hält das Wetter! Bisher regnete es nur in drei oder vier Vorstellungen.
WWR: Was ist denn für sie ihr wichtigstes Attribut in diesem Job?
DK: Der körperliche Einsatz! Frauenrollen sind hier ja eigentlich etwas weniger robust angelegt. Aber ich muss hier ja alles zeigen. Jolene kämpft genauso leidenschaftlich wie sie liebt. Als Fred von Knox fast getötet wird, da rettet Jolene ihn ja auch nicht mit einem einzigen Schuß sondern pumpt den Schurken regelrecht voll Blei, weil sie Angst um Fred hat! Diesen Wandel wollten wir in aller Konsequenz ausspielen und für die Zuschauer greifbar machen. Das war auch Donald Kraemer sehr wichtig.
WWR: Wenn gleich die Liebe erst sehr spät entflammt.
DK: Eben wie im echten Leben! Wenn ein Mensch so verbittert ist, so in einem selbstzerstörerischen Kreislauf von Rache und Hass gefangen ist, dann kann man aus diesem nur ausbrechen, wenn man auf einen liebenden Menschen stößt, der die Kraft dazu hat, einem die Augen zu öffnen.
WWR: Jolene macht es Fred Engel nicht gerade leicht.
DK: Nein, das nun wirklich nicht. Wie oft er von ihr abgewiesen, zurückgestoßen und niedergeschlagen wird – trotzdem hält er an ihr fest. Eine treue Seele, der sie mit seiner Liebe wieder zu einem Menschen werden lässt. Aber Jolene braucht Zeit, sie will ja nicht beschützt werden, will nicht abhängig sein.
WWR: „Küss mich endlich, du Idiot!“ – würde Dorkas Kiefer privat auch so deutlich ihre Wünsche formulieren?
DK: (grinst) Da unterscheiden sich beide Charaktere doch sehr stark voneinander. Ich bin zwar auch eine Powerfrau aber wenn es um Gefühle geht und wenn ich etwas für einen Mann empfinde, dann bin ich eher ein schüchterner Mensch. Natürlich ist es toll, wenn man merkt wie das Publikum da mitgeht, die wollen es ja sehen, wie die beiden sich finden.
WWR: Das Publikum kriegt große Leidenschaft bei Karl May ja sonst nicht zu sehen – Winnetou küsst nicht, Old Shatterhand küsst nicht…
DK: Schade eigentlich! Aber nur mit Händchenhalten hätten wir nicht die Arena verlassen können.
WWR: Sie erwähnten, dass Regisseur Donald Kraemer so klare Vorstellungen davon hatte, wie der Wandel von Jolene dargestellt werden soll. Wie würden sie die Zusammenarbeit mit Kraemer in seiner ersten Saison hier am Kalkberg beschreiben?
DK: Ich bin begeistert wie er es geschafft hat, das ganze Ensemble zusammen zu halten. Dafür ist aber auch maßgeblich, wie der Regisseur mit seiner Truppe umgeht. Donald hat einen wunderbaren Sinn für Humor, er ruht in sich selbst und ist für jeden immer ansprechbar. Er setzt auch durchaus Ideen und Hinweise seiner Darsteller um, ist dankbar für Hinweise und hat für alles ein offenes Ohr. Donald kann jedem zuhören und widmet seinem Gegenüber stets seine volle Aufmerksamkeit. Ich habe das Gefühl, ausser seiner eigenen Vorstellung von der Inzenierung, sammelt er die Stimmen und Meinungen von allen und schafft daraus das große gemeinsame Werk. Somit hat jeder von uns das Gefühl, einen wichtigen Teil beigetragen zu haben. So etwas habe ich bisher nur ganz selten erlebt. Donald versteht auch jede seiner Figuren und Charaktere, sicherlich auch weil er selber ein echter Karl May Fan ist. Er hat teilweise bis tief in die Nacht hinein mit uns über die Rollen und Szenen gesprochen. Donald Kraemer ist aber auch mutig. So hat er zwei Tage vor der Generalprobe das ganze Bild 22 umgestellt, weil ihm aufging, dass das Ergebnis einfach nicht optimal war. Diese Notwendigkeit zu vermitteln ohne Frust bei den Darstellern zu produzieren, das ist eine Kunst. Ich hoffe sehr, dass das nicht unsere einzige Zusammenarbeit bleibt.
WWR: Vielleicht noch einmal hier in Bad Segeberg?
DK: (lächelt) Ich wage es ja kaum zu sagen aber ich bin infiziert! Nur leider ist es hier in Bad Segeberg ja eher so, dass Gaststars erst nach ein paar Jahren Pause die Chance haben, noch einmal wieder zu kommen.
WWR: Dann wollen wir gemeinsam auf eine gute Rolle für eine weitere Spielzeit hoffen. Weiterhin viel Erfolg für die restliche Saison!