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Hinter den Kulissen


Wenn 8000 begeisterte Zuschauer mit ihren Helden fiebern, dann liegt zwischen ihnen und den Schauplätzen eine nicht zu unterschätzende Distanz. Dies ist natürlich bei jedem Theater der Welt der Fall. Aber eine Naturbühne wie die am Kalkberg verfügt über mehr Tiefe, Breite und Höhe als man dies sonst gewohnt ist. Das stellt natürlich auch einen Bühnenarchitekten vor ganz besondere Herausforderungen. Viele Kulissen wirken aus der Distanz massiv und übermächtig. Doch erst aus der unmittelbaren Nähe betrachtet wird ihre geniale Einfachheit dem Betrachter bewusst. Grund genug für den Wild-West-Jungreporter Malte, sich einmal auf und hinter der Bad Segeberger Bühne umzusehen und die Leser auf einige interessante Details aufmerksam zu machen. Folgen wir ihm also in die Jagdgründe der Assiniboins und der Poncas.

Der Rundgang startet am Leitstand und führt uns den steilen Abhang für die Reiter entlang des Zuschauerblocks D hin zu der Zeremonienstätte der Poncas. Eine eher unscheinbare Kulisse die ihre Wirkung daraus erzielt, dass sich die gefertigten Kunstfelsen optisch nur schwer von dem dahinter aufragenden Kalkfelsen unterscheiden lassen. Der Boden scheint zu federn – der Eindruck täuscht nicht. Tatsächlich steht Malte auf einer tragenden Konstruktion aus Holz und Eisenstreben, die mit Erde und Rindenmulch abgedeckt wurde. Diese eher unscheinbare Verlängerung des Kunstfelsens ermöglicht unter anderem den Reitern, einen vollständigen Kreisumritt durch die komplette Arena einschließlich der Zuschauerränge. Da es der Bühne an natürlicher Breite mangelt und somit die Möglichkeit zum Anlauf bzw. Bremsen für die Pferde fehlt, kann man nur über diese ausgedehnte kreisförmige Strecke so beschleunigen, dass die Auftritte der Reiter rasant und gefährlich wirken. Dies wird unter anderem in der Eröffnungssequenz in dieser Saison furios genutzt!

Von dieser seitlichen Kulisse aus erreicht Malte die ausgedehnte Anlage des eigentlichen „Kunstfelsens“. So umstritten diese Kulisse unter Anhängern der Segeberger Bühne auch sein mag, er entpuppt sich Jahr für Jahr als variable und vielfältig zu nutzende Fläche. In dieser Spielzeit beherbergt er die Bauten der Ölförderanlagen von New Venango. Lagerhäuser und Bohrtürme dominieren den oberen Teil des Kunstfelsens. Im Sockel des gewaltigen Kunstfelsens ist ein Durchgang eingelassen, der mit einer Schiebetür geräuschlos geöffnet oder geschlossen werden kann. An den Seiten des Durchgangs liegen der Saloon bzw. ein Wasserbecken. Dieses Becken erfüllt zwei Aufgaben. So muss es zu Anfang und Ende des Stücks tödlich getroffene bzw. in die Luft gesprengte Darsteller auffangen. Deutlich kann Malte von der oberen Terrasse des Kunstfelsens die Schaumstoffblöcke erkennen, die Verletzungen bei einem unglücklichen Aufprall des Stuntman verhindern sollen. Aber auch in dieser Saison beweist sich, dass diese Absicherungen nicht jedes Risiko ausschließen. Erst vor wenigen Tagen hat sich der Stuntman beim Fall in das Becken verletzt. Doch auch romantische Augenblicke spielen sich rund um diesen auf Zuschauer wie ein kleiner See wirkenden Pool ab. Malte betrachtet zunächst die Bauten der Förderanlage. So alt wie das Theater selbst ist die Tradition, Kulissen nur in dem Umfang zu fertigen, wie der Blick der Zuschauer reicht. Das heißt im Klartext: die Gebäude bestehen in der Regel nur aus der Fassade und angedeuteten Seitenwänden. Von hinten wirkt das Ganze erschreckend improvisiert, baufällig und dabei doch genial einfach! Aber wie funktionieren die diversen Spezialeffekte und Tricks? Bekanntermaßen überwacht der hoch über den Zuschauerrängen aufragende Leitstand den Ablauf einer jeden Vorstellung. Doch Explosionen und Bewegungseffekte müssen immer auf Kommando direkt in oder hinter den Kulissen ausgelöst werden. So will Malte nun den Geheimnissen des Wasserfalls, der Explosionen und der stürzenden Bohrtürme auf den Grund gehen. In einer Ecke der verwinkelten Kunstfelskonstruktion findet sich das entscheidende Schaltpult. Von hier aus werden die Pumpsysteme aktiviert, die die notwendigen Wassermengen über 10 Meter Höhe transportieren, um sie dann effektvoll in den Pool plätschern zu lassen – und damit den romantischen Rahmen für eine Szene zwischen Ribanna und Winnetou zu schaffen.

Fast stolpert Malte über die unzähligen, für den Zuschauer nicht erkennbaren Kabeln und Leitungen. Ihnen folgend betritt der Jung-Reporter nunmehr die rückwärtigen Kulissen von New Venango. Die Kulisse wird dominiert von zwei hintereinander angesiedelten Bohrtürmen. Aus der Nähe erkennt Malte sehr schnell die Scharniere im unteren Bereich der Turmkonstruktionen. Selbst wenn Malte die eigentliche Story der Aufführung nicht kennen würde, so wüsste er nun: diese Türme sind dazu bestimmt zu kippen. Die Mechanismen werden von den Spezialeffektteams manuell auf Kommando des Spielleiters ausgelöst. Damit jedoch die Kulisse beim Sturz der schwergewichtigen Türme keinen irreparablen Schaden erleidet, wurden spezielle T-Träger konzipiert, die die Türme auffangen. Gleichzeitig müssen die Polsterungen der Träger feuerfest sein, denn rund um die Türme wird eine künstliche Feuersbrunst toben. A propos Feuersbrunst. In einer anderen Ecke der Kulisse finden sich weitere Kontrollen. Als Gedankenstütze für die richtige Reihenfolge der auszulösenden Effekte wurden mit Filzstift die Tastenabfolge mit einigen Stichworten an die Holzvertäfelung der Kulisse geschrieben. Diverse Streichungen und Änderungen belegen auch die Entwicklung die die Aufführung vom ersten Probentag an genommen hat. Von hier aus führt der Weg fast automatisch auf den eigentlichen Kalkberg zu. Bereits 1992 wurde ein Vorbau konstruiert, der die ursprünglichen unmittelbar am Berg verankerten hölzernen Kulissen und Laufstege ersetzte. Für die Zuschauer nicht erkennbar verläuft der heute als Fels getarnte Vorbau rund zwei Meter vom eigentlichen Felsmassiv entfernt und verbindet Kunstfelsen, Bunker und den steilen Abgang vom Verwaltungsgebäude entlang des Zuschauerblocks A. Seit einigen Jahren wird dieser Bereich bereits auf zwei Ebenen genutzt. So stehen in dieser Saison zu Füssen des Vorbaus die Zelte der Indianer. Doch auf dem eigentlichen Vorbau erhebt sich in diesem Jahr das Fort Niobrara. Der massive Holzbau hält einige Überraschungen bereit. Als Malte die Festungsanlage betritt, fallen diverse schräg gelagerte und wie umgekippte Mülleimer wirkende Behälter auf. Diese beinhalten Treibladungen die zur Simulation von Einschlägen und Explosionen mit entsprechender Rauchentwicklung dienen. Natürlich müssen auch die Schäden an den Palisaden und Gebäuden während des Ponca Angriffs so ausfallen, dass man sie nach der Vorstellung mit wenigen Handgriffen beseitigen kann. Der Einschlag einer Kanonenkugel hinterlässt beispielsweise ein klaffendes Loch in der Holzpalisade – ein simples aber cleveres Beispiel für den sinnigen Einsatz von Scharnieren und Stichsäge! Komplizierter wird da schon der einbrechende Wachturm des Forts. Von einem Einschlag erschüttert, knickt dieser ein und versinkt teilweise im Dach des Haupthauses. Auch hier verbirgt sich eine durchdachte Konstruktion von Gelenken und Scharnieren. Allgegenwärtig sind für alle Feuereffekte die Gasflaschen und Leitungen. Metallschienen und –leisten schützen die Holzkonstruktionen vor der Hitze und den Flammen die punktgenau ausgesteuert werden können. Unmittelbar hinter dem Kunstfelsen, an einem unscheinbaren Baucontainer hängt auch das Schild, das auf die langjährigen verlässlichen Experten hinweist: Preuss Effekte! Über eine massive Holztreppe gelangt Malte hinab zum Saloon. Wie viele ebenerdig gelegene Kulissen, kann auch diese durch einen für die Zuschauer unsichtbaren Zugang aus dem Kunstfelsen heraus betreten werden. In ähnlicher Weise gelangen die Darsteller auch zu den Indianerzelten. Hier, auf der Veranda des Saloons, findet sich auch die Auflösung zu einem der frühen Spezialeffekte des Stückes: mit einem Meisterschuss löst Old Firehand die Aufhängung des Werbeschildes des Saloons. Hierzu öffnet mit einem simplen Seilzug möglichst zeitgleich mit dem Schuss des Westmannes ein Kleindarsteller die Halterung und das schwere Holzschild schwingt scheinbar getroffen nach unten. Ein relativ einfacher Effekt der jedoch gut synchronisiert sein muss damit er wirkt.

Als Malte nun die Arena durchquert und seinen Rundgang beendet, fällt sein Blick auf einen Assistenten der Requisite. Dieser bückt sich und sammelt etwas auf: die Imitate der bei den Überfällen verwendeten Dynamitstangen! Mit einem letzten Blick auf den scheinbar explosiven Inhalt der Kiste verabschiedet sich Malte aus dem Rund der Karl May Bühne. In weniger als 1 Stunde müssen alle Kulissen wieder hergerichtet und die Spezialeffekte bereit sein. Dann heißt es wieder: Showtime



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