Anleitung zur Blutsbrüderschaft
Der Begriff „Blutsbrüder“ ist in unserem Sprachgebrauch allgemein hinterlegt. Mal wird er bei politischen, mal bei sportlichen Berichterstattungen verwendet – als Freunde der Werke von Karl Mays haben wir dabei jedoch den unsprünglichen Sinn des Begriffes vor Augen: die Besiegelung der ewigen Freundschaft zwischen zwei Menschen, respektive Winnetou und Old Shatterhand.
Aber wie wird man eigentlich Blutsbruder?Nicht zuletzt in der Parodie „Der Schuh des Manitou“ stellte sich der Held Ranger dieselbe Frage.
Zunächst einmal muss man sich der gegenseitigen Treue und Freundschaft sicher sein. Wie stellt man das am besten an!? Nun, als Kinder pflegten wir die Tatsache, dass man seinen Freund an der Cola Flasche trinken liess ohne hinterher den Flaschenkopf abzuwischen bereits als besonderen kaum zu überbietenden Vertrauensbeweis zu interpretieren.
Aber in den „Dark and bloody grounds“ muss es schon ein bisschen brachialer zu gehen: Rettung des Lebens, Hilfe in größter Not, Treue bis in den Tod oder Warnung vor einem unbeschrankten Bahnübergang (erneuter Hinweis auf Bully Herbigs Recherchen).
So gelangen auch Old Shatterhand und Winnetou erst nach vielfältigen Abenteuern und gegenseitigen Beweisen ihrer Qualitäten zu dem Entschluß, Blutsbrüderschaft zu schliessen.
Was ist da nun bei Karl May zu lesen:
Wir stellten uns zu beiden Seiten des Sarges (von Kleki-Petra Anm.d.Autoren) auf. Intschu tschuna entblößte den Unterarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. Aus dem kleinen, unbedeutenden Schnitt quollen einige Blutstropfen, die der Häuptling in die eine Wasserschale fallen ließ. Dann nahm er mit mir das gleiche vor, wobei einige Tropfen in die andere Schale fielen. Winnetou bekam die Schale mit meinem Blut und ich die mit dem seinigen in die Hand, worauf Intschu tschuna feierlich in englischer Sprache begann: „Die Seele lebt im Blut. Sie Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, auf daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand denkt, sei fortan auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands. Trinkt!“ Ich leerte meine Schale und Winnetou die seinige. Es war jenes Wasser, das Nscho-tschi aus dem Fluß geholt hatte, mit einigen Blutstropfen vermengt, die man nicht schmeckte.
Interessant ist, dass sich der Autor der Wirkung seines Handelns auf seine Leser nicht sicher zu sein scheint. Denn direkt im Anschluss an die Beschreibung des Rituals ist zu lesen:
Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich hier eine Bemerkung einschalten. Auch bei uns werden mitunter von abenteuerlich gestimmten Menschen Blutsbrüderschaften in ähnlicher Weise geschlossen. Selbstverständlich war ich als `aufgeklärter` Europäer weit davon entfernt, dem wechselseitigen Genuß von Blutstropfen irgendwelche geheimnisvolle Wunderwirkung beizumessen, etwa den Unsinn, daß beide Blüder im selben Augenblick sterben müßten, wvon Abergläubische tatsächlich überzeugt. Ich wusste zwischen der Sache und ihrem äußeren Sinnbild zu unterscheiden und setzte das gleiche klare Urteil auch bei Intschu tschuna und seinen Kindern voraus, schon weil der `weiße Schulmeister der Apatschen` ihr Lehrmeister gewesen war.
Bereits in der Filmfassung von 1963 rückte man von der Schilderung des Autoren ab. Stoisch schnitten sich Lex Barker und Pierre Brice mit einem Messer in die Unterarme und pressten wortkarg („Mein Bruder! Mein Bruder!“) die Schnittstellen hiernach aneinander. Auf begleitende Worte von Intschu tschuna wurde grosszügig verzichtet.
Stimmungsvoller und buchgerechter ging es dann schon von je her auf den Bühnen zu. Zwar wurde auch hier in der Regel auf das Trinken des Blutes verzichtet, das Ritual selbst wurde jedoch ausgiebiger und textlastiger ausgespielt. Mitunter wurde der Handlungsfaden feinsinnig mit anderen Elementen wir z.B. dem Geschenk des Rappen Hata-titla verknüpft. Beispielhaft sei hier die Textpassage aus der Aufführung „Winnetou I – Blutsbrüder“ (Bad Segeberg, 1987):
Intschu-tschuna
Charly, mein Sohn. Wir kennen Deine Aufgabe, Du hast uns viel davon erzählt. Wir werden Dir und der Eisenbahngesellschaft unser Einverständnis geben, das Stahlross durch unser Gebiet zu bauen.
Winnetou
Ich möchte Dir danken, indem ich Dir einen Rappen schenke. Und werde mein Blutsbruder.
Old Shatterhand
Winnetou! Das ist mehr, als ich erwarten konnte. Ich danke Dir, mein Bruder.
Regie-Anweisung: Zeremonie, Winnetou und Old Shatterhand ritzen sich die Ader, legen dann Arm an Arm, Ntscho-tschi legt Messer darüber. Dazu spricht:
Intschu-tschuna
Das Blut Winnetous und Old Shatterhands wird eins. Die Seelen dieser beiden Krieger mögen ineinander überfließen, auf dass sie eine einzige Seele bilden. Du bist nun ebenso wie Winnetou mein Sohn und ein Krieger unseres Volkes. Du bist nun ein Häuptling der Apatschen, und alle Stämme unseres Volkes werden Dich als solchen anerkennen.
Regie-Anweisung: Alle Apatschen unter Schüsse und Schreie ab, Musik, Nscho-tschi kommt mit Pferd.
Nscho-tschi
Hier ist das Geschenk meines Bruders.
Winnetou
Der Rappe führt nach seiner Haupteigenschaft, der Schnelligkeit, den Namen Hata-titla, Blitz. Er ist noch jung und wird sich rasch an Dich gewöhnen. Er wird dich lieben und dich in keiner Gefahr im Stich lassen.
Den Zuschauer gefielen die unterschiedlichen Varianten in der Regel sehr gut. Allerdings scheint es nur nachvollziehbar, dass die Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts im Zeitalter von Biowaffenterrorismus und Aids mit der Mayschen Vorstellung bluttrinkender Helden etwas schwer tut.
Wie dem auch sei: wichtig ist, was man aus seiner Blutsbrüderschaft macht und nicht so sehr, wie man sie zelebriert. Das wusste auch schon Karl May zu berichten!