26. August 2010 | 16:30 | Geschrieben von Heinz-Gerd
Weitensfeld – Kein Karl May aber gutes Theater
Weitensfeld – Kein Karl May aber gutes Theater
Bevor meine kurze Kritik zu den Karl May Festspielen in Weitensfeld zu lesen ist, möchte ich kurz auf das eingehen, was für ein Art von Geschichte es dort zu sehen gibt. Es ist kein Karl May! Weder die Interpretation der Winnetou-Figur, noch die gezeigte Geschichte sind auch nur ansatzweise mit dem Mayschen Original in Einklang zu bringen. Thomas Koziol, Regisseur, Autor und Winnetou-Darsteller in einer Person, folgt damit konsequent seiner Linie, einen Western mit Figuren von Karl May auf die Bühne zu bringen. Den Western-freund wird es freuen, den Karl May Puristen ohnmächtig werden lassen. Weil Koziol damit sehr offen umgeht und es ihm bewusst ist, das er den May Puristen mit seiner Inszenierung nicht erreichen kann, war ich darauf vorbereitet und habe einfach das gezeigte ganz unbefangen auf mich wirken lassen. Karl May Freunde, die eine möglichst genaue Adaption der Bücher auf einer Bühne sehen wollen, sollten jetzt mit dem Lesen aufhören. Alle Western-Freunde lade ich ein, meine kurze Kritik zu lesen.
Das Bühnenbild wirkt ein nüchtern und karg. Zur rechten stehen ein Saloon, durch dessen Fenster man leider
Plastikfolien sehen kann, sowie ein imposantes Fort mit beeindruckender Westernstadt im Hintergrund. Allerdings ist diese erst dann zu sehen, wenn das Fort seine Tore öffnet. Im linken Bühnenbereich sieht man ein schön gestaltetes Pueblo, welches gleich in den ersten Szenen genutzt wird. Im mittleren Bühnenbereich befindet sich eine Höhle samt kleinen „Tümpel“. Im Laufe der Inszenierung erfährt das Publikum, dass es sich bei dem „Tümpel“ um den „Silbersee“ und bei der kleinen Höhle um den Zugang zum Schatz im Silbersee handelt. Insgesamt wirkt das Bühnenbild ein wenig fad, weil viel zu lieblos gestaltet. Lediglich Fort samt Stadt weiß zu gefallen. Hier scheint insgesamt an Geld gespart worden zu sein. Möglicherweise hat man diese Ersparnis dafür in diesem Jahr in besonds erstklassige Schauspieler investiert. Allen voran in Albert Fortell, der heuer als Gastdarsteller die Rolle des Old Shatterhand ausfüllen darf. Und das macht er gut. Fortell überzeugt mit deutlicher Sprache und ausgezeichneter Mimik, die niemals aufgesetzt wirkt. Im Gegenteil: ihm nimmt man den deutschen Westmann, der stets für Gerechtigkeit kämpft, absolut ab. Fortell darf in seiner Rolle sogar seinen Blutsbruder anschreien, um ein Unrecht zu verhindern. Man muss Thomas Koziol zu dieser Verpflichtung beglückwünschen. Fortell sorgte nicht nur für eine große Präsenz der Spiele in den österreichischen Medien, sondern spielte sich mit seiner Art die Rolle des Mayschen Helden zu interpretieren, in die Herzen der Fans. Er selbst ist ebenfalls glücklich und dankbar für diese Erfahrung. „Wir spielen hier 50 Prozent Theater und der Rest ist Rock ´n Roll.“ sagte Fortell in einem von uns geführtem Interview (Veröffentlichung folgt in Kürze).
Doch nicht nur Fortell wusste zu überzeugen. Der heimliche Star der Inszenierung ist Wolfgang Lesky, der als gnadenloser Cornel Brinkley auf der Suche nach dem Schatz im Silbersee ist und dafür über Leichen geht. Seine Darstellung ist herrlich dezent und doch so tiefgründig gemein geprägt, dass man als Zuschauer am liebsten auf die Bühne laufen würde, um ihn selber den Blutsbrüdern auszuliefern. Für mich eine der stärksten Darstellungen eines Schurken, die ich bisher auf Karl May Bühnen gesehen habe. Dieses Urteil gilt auch für Sabine Kranzelbinder, die als Ellen Patterson ihre Rolle mit viel Gefühl ausfüllte, ohne dass es zu peinlichen Momenten kam. Absolut professionell. Über Thomas Koziol als Winnetou braucht man kaum noch etwas zu sagen. Er gehört sicherlich zu den besten Winnetou -Darstellern, wenngleich er der Rolle das „märchenhafte“ durch seine Interpretation nimmt. Er sinnt auf Rache, feuert wie ein Wilder aus der Silberbüchse und haucht zwischendurch ganz leise indianische Worte. Gerade an seiner Darstellung merkt man, wie sehr er darauf bedacht ist, den Westen nicht romantisch, sondern so zu zeigen wie er war: hart, dreckig und gnadenlos. Dennoch wirkt er majestätisch und verleiht seiner Paraderolle etwas besonders. Alleine wegen seiner Art der Darstellung lohnt sich ein Besuch der Bühne in Kärnten. Auch der Rest des Ensembles wurde von Koziol gut besetzt. Leider fällt aber auch in Weitensfeld die Rolle des Sam Hawkens erneut negativ auf. Als alkoholisierter Scout blödelt Hawkens, erneut von Helmut Pucher verkörpert, sich durch das Stück. Es ist wirklich schade, das Hawkens nahezu auf jeder Bühne zur Knallcharge verkommt.
Fazit: Wie schon eingangs erwähnt findet man in dieser Inszenierung kaum etwas von der Mayschen Vorlage wieder
und auch das Bühnenbild reißt keinen vom oft zitierten Hocker. Dafür überzeugt das gut ausgearbeitete Buch von Thomas Koziol sowie die komplette Darstellerriege samt Gaststar Albert Fortell. Lobenswert sind die Actionsequenzen und famosen Ritte auf der dafür wunderbar ausgelegten Bühne. Ein Besuch in Weitensfeld lohnt sich definitiv, besonders im nächsten Jahr, wenn Thomas Koziol als Winnetou in seinem wohl besten Stück, Winnetou II, zu sehen sein wird. Es wird zwar gewiss wieder kein Karl May, aber dafür gutes Theater.
Fotoimpressionen von “Der Schatz im Silbersee” aus Weitensfeld gibt es in unserer Galerie.
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Kurt Says:
Es ist nicht wirklich wichtig, das Karl May 1 : 1 umgesetzt wird, wenn es gutes Theater als solches ist. Von mir kann es durchaus mal ein Karl-May-Stück geben, das Elemente eines Italo-Western enthält.